Wenn Schüler den Unterricht stören – Teil 2

Alters- und gruppenbedingte Ursachen im Instrumentalunterricht

Im zweiten Teil unseres Artikels „Wenn Schüler den Unterricht stören“ werden wir Szenen aus dem Instrumentalunterricht betrachten. Mit Störungen sind alle Verhaltensweisen gemeint, die einen „normalen“, vom Lehrer geplanten Unterrichtsverlauf, unterbrechen, erschweren oder gar verhindern. Dabei ist das Alter der Schüler wieder von großer Bedeutung und auch die Art des Unterrichts. Natürlich können hier nur einige Phänomene betrachtet werden aber häufig lassen sich dadurch auch Rückschlüsse auf andere Verhaltensweisen ziehen.

Instrumentalunterricht im Vor- und frühen Grundschulalter

Luna ist fast 7 Jahre alt, besucht die erste Klasse und hat , zusammen mit ihrer Freundin Leonie, seit einem Jahr Klavierunterricht. Das Unterrichtsprogramm ist altersgerecht und ganzheitlich, deshalb beinhaltet es neben dem Klavierspiel weitere wichtige und spaßbringende Aktivitäten. Luna möchte gerne Klavierspielen können, deshalb ist sie nach der Früherziehung in den Instrumentalunterricht gewechselt. Eigentlich die ideale Voraussetzung aber…
Lunas Lieblingssatz in Bezug auf das Klavierspielen ist: „Das kann ich nicht!“ Sie verwendet ihn im Unterricht und zu Hause beim Üben. Zunächst ruhig, anschließend laut, dann geschrien, gefolgt von ruhigen, zu Hause auch wilden, Weinanfällen. Sie hat noch weitere Lieblingssätze „Das will ich nicht! Das ist doof! Das kann ich schon! Das ist langweilig!“ Gelingt es Luna, diese erste „Das kann ich nicht“-Hürde zu überwinden, spielt sie wunderbar und freut sich über die kleinsten Erfolge. Lunas Mutter allerdings ist mit ihren Nerven am Ende.

Häufig beginnen Kinder einen Instrumentalunterricht kurz vor oder kurz nach der Einschulung. Mit dem Schulbesuch verändert sich ihr Leben. Sie müssen früh aufstehen, sie müssen lange stillsitzen und zuhören, sie müssen Dinge erledigen, die ihnen schwer fallen und sie werden mit andern Kindern verglichen und ihre Leistungen bewertet.
Auch im Musikunterricht ist nun nicht mehr alles nur Spiel. Selbst in ganzheitlichen und altersgerechten Unterrichtskonzepten werden die Kinder an Hürden geführt, in motorischer, wie in intellektueller Weise. Diese Hürden können nur mit Ausdauer und Fleiß überwunden werden. Wie die Schüler mit diesen Erfahrungen umgehen ist sehr unterschiedlich. Eines aber haben alle Kinder gemeinsam, sie wolle, wie Luna, ein Instrument spielen können, nicht das Spielen lernen müssen.
Der größte Unterschied zwischen jüngeren Schülern und älteren (einschließlich Erwachsenen) ist, dass ältere schon gelernt haben, dass man fast alle Dinge im Leben mühsam erlernen muss. Den Eltern diese kindliche Denkweise zu erklären, ist äußerst wichtig. Wenn Kinder mit Begeisterung einen Instrumentalunterricht beginnen -oft nach einer Früherziehung, die sie sehr gemocht haben- und die Eltern dann aber große Schwierigkeiten beim häuslichen Üben haben, werden die Kinder zu schnell wieder abgemeldet. Die Ursachen für die Unlust wird dann bei der Lehrkraft, der Wahl des Instruments oder den anderen Kindern in der Gruppe gesucht. Diese sind es aber in der Regel nicht. Aufklärung ist hier der Schlüssel zum gegenseitigen Verständnis.
Luna, in unserem Beispiel, ist eine extreme aber typische Schülerin dieser Altersgruppe. Etwas mühsam zu erarbeiten, fällt ihr schwer. Hier ist der/die LehrerIn doppelt gefordert. Zum einen, muss Luna immer wieder ermuntert werden, Schwierigkeiten anzugehen, zum anderen braucht Lunas Mutter regelmäßig Unterstützung und Aufklärung, damit sie ihrer Tochter weiterhin beisteht. Für beide ist es wichtig, dass die/der Lehrerin den Blick häufig auf das lenkt, was das Kind bereits erarbeitet hat und nicht permanent auf die Schwierigkeiten.

Die meisten Probleme mit Schülern dieser Altersgruppe resultieren aus der Art, wie die Kinder mit Schwierigkeiten umgehen. Emotionen werden noch offen nach außen getragen.
Findet der Unterricht in einer Gruppe statt, kommen zusätzlich die entwicklungsbedingten Verhaltensweisen innerhalb einer Gruppe dazu. Diese sind die gleichen, wie die der Kinder im Vorschulalter. Ich habe dieses Thema im 1. Teil des Artikels (Wenn Schüler den Unterricht stören – Alters- und gruppenbedingte Ursachen in der Frühförderung) eingehend erläutert.
Erklärungen und Lösungsansätze findet ihr dort.

Instrumentalunterricht in diesem Alter gelingt nur mit der Unterstützung der Eltern. Eine enge Zusammenarbeit ist hier unumgänglich. Wir werden das Thema „Frühkindlicher Instrumentalunterricht“ in einem eigenen Artikel gesondert behandeln.

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Kinder und Jugendliche im Instrumentalunterricht

Yannik ist 9 Jahre und hat mit seiner jüngeren Schwester zusammen Klavierunterricht. Das Unterrichtsprogramm ist das selbe, wie das von Luna. Er hat sehr engagierte Eltern, sein Vater spielt auch Klavier und unterstützt seine Kinder optimal. Yannik ist sehr musikalisch, er übt überdurchschnittlich viel, probiert gerne Dinge aus, ist rhythmisch sicher und hat ein gutes Gehör. Seine Fortschritte auf dem Instrument sind beachtlich. Yannik ist ein Perfektionist. Das Erarbeiten eines neuen Stücks stellt ihn vor große Herausforderungen, denn sobald ein falschen Ton erklingt, gerät er völlig außer sich. Zunächst kann er sich kontrollieren, doch irgendwann ist ein Punkt erreicht, an dem er die Kontrolle verliert. Er schreit: „Das kann ich nie lernen, das ist viel zu schwer!“, er beschimpft seine Schwester und mich, schmeißt die Klavierbank um und weigert sich, weiter am Unterricht teilzunehmen. Seine Eltern kennen dieses Verhalten, sie habe gelernt damit umzugehen, allerdings bin ich nicht seine erste Klavierlehrerin, zwei haben ihn schon aufgegeben.

Perfektionismus
Wieder ein extremes Beispiel und doch habe ich im Laufe meiner Berufszeit schon einige solcher Perfektionisten im Unterricht gehabt. Nicht alle haben so heftig reagiert und doch waren diese Schüler wie schlummernde Vulkane. Aus psychologischer Sicht sind Kinder nicht in der Lage, Emotionen zu kontrollieren. Das lernen sie erst im Laufe ihrer Kindheit und Jugendzeit, einige besser andere schlechter, wie wir alle aus dem Umgang mit Erwachsenen kennen. Ein Schüler der zu Zornausbrüchen neigt, wird erst langsam lernen, diese zu kontrollieren. Das hat nichts mit einem schlechtem Elternhaus oder ähnlichem zu tun. Wir müssen als Lehrer mit diesem Verhalten leben und dürfen es nicht persönlich nehmen. Bei all meinen zornigen und perfektionistischen Schülern, hat sich dieses Verhalten im Laufe der Zeit abgeschwächt und viele von ihnen sind schon mehr als 10 Jahre bei mir im Unterricht. Das Erlebte hat die Schüler, die Eltern und mich zusammengeschweißt. Heute ernte ich die Früchte meines „Durchhaltens“ und genieße jede Stunde mit ihnen.

Sven ist 11 Jahre alt und lernt im geschlossenen Gruppenunterricht Keyboard. Von Yanniks Perfektionismus ist er weit entfernt. Jede Unterrichtsstunde beginnt damit, dass er mir ausführlich erzählt, warum er nicht üben konnte. Oft erscheint er ohne Materialien zum Unterricht und auch dafür gibt es natürlich Gründe. Nachdem ich all mein Können aufgeboten habe, seine Mitteilungsflut in Bezug auf seinen mangelnden Übungseifer zu stoppen und ihn auffordere sein Stück zu spielen, überschwemmt mich ein neuer Redeschwall, in dem er mir die Gründe auflistet, warum er das Stück nicht spielen kann. Nach 8 Minuten Geduldstraning meinerseits raunze ich: „Nun spiel endlich!“ Und dann etwas ruhig:“ Damit wir beginnen können, an den Schwierigkeiten zu arbeiten.“

„Ich konnte nicht üben, weil…“
Wenn es etwas gibt, was mich als Lehrerin wirklich nervt, dann ist es das allgegenwärtige Mantra „Ich konnte nicht üben, weil…“. Damit mein seelisches Gleichgewicht auch nach 14 Schulwochen am Stück (hessische Ferienregelungen sind unergründlich) noch halbwegs in Balance ist, habe ich einigen meiner SchülerInnen verboten, diesen Satz noch jemals wieder zu verwenden. Nur SchülernInnen, die regelmäßig üben, habe ich erlaubt, diese Worte in meiner Gegenwart zu benutzen.
Wie Schüler zum Üben motiviert werden können, ist ein eigenes Thema, mit dem sich dieser Blog noch viel beschäftigen wird. Hier sei aber der Blick auf ein anderes Phänomen gerichtet. Ältere Kinder und Jugendliche neigen zum „Labern“. Alles wird wortreich erklärt, diskutiert oder einfach nur zerredet. „Labern“ ist eine Ablenkungstaktik. Die Schüler wollen den Lehrer aber auch sich selbst von ihren Versäumnissen ablenken. Neben unserem Bestreben, den Unterricht und die Auswahl der Stücke interessant zu gestalten, ist es wichtig, dass wir auch hier die Rolle einer Führungspersönlichkeit übernehmen. Dazu gehört Verständnis aber auch ein Überblick über die Situation und Realitätssinn.
Hier einige Tips:
◆    Stoppt „Gelaber“ freundlich aber bestimmt und zwar so schnell wie möglich.
◆    Zeigt den Schülern ohne Ironie, wie absurd viele Ausreden sind. (Ich konnte nicht üben, weil die Oma Geburtstag hatte.)
◆    Nehmt euch die Zeit, einen individuellen Übungsplan mit den Schülern zu erstellen und haltet ihn in schriftlicher Form fest. Hausaufgabenhefte mit Zeitplänen haben sich sehr bewehrt. Zeigt den Schülern, dass jeder, auch in einer Woche mit Mathearbeit, mindestens zwei  bis drei Übungseinheiten unterbringen kann.
◆    Bittet die Schüler, ihre Übungszeiten aufzuschreiben. Plant die Woche gemeinsam im Unterricht, bittet die Schüler Übungseinheiten abzuhaken, wenn sie erledigt wurden. (Auf dieser Grundlage beruht jegliches Zeitmanagement.)
◆    Gerade ältere Schüler, die ein Gymnasium besuchen, haben in bestimmten Zeiten innerhalb eines Schuljahres regelrechte Lernberge zu bewältigen. Berücksichtigt das.
◆    Übungspläne müssen überwacht werden, sonst sind sie nutzlos. Sobald die Eltern diese Aufgabe nicht oder nicht mehr übernehmen, müsst ihr das tun. Sprecht also regelmäßig mit euren Schülern über die Pläne und passt sie den aktuellen Bedingungen an. Neben dem Nutzen für das Erlernen eines Instruments, erleben die Schüler, dass sie als gleichwertige Partner ernstgenommen werden und sie verinnerlichen Techniken, die wichtig für ihr weiteres Leben sind.
◆    Fordert die Schüler auf, euch grundsätzlich nicht zu erzählen, warum sie nicht üben konnten, sondern ermuntert sie, euch von den Übungseinheiten zu berichten. Das kann in Gruppen auch offen geschehen. Nichts ist so fruchtbar wie Taktiken, die die Schüler untereinander erarbeiten. Außerdem möchte sich jeder an solchen Gruppengesprächen beteiligen und das geht nur, wenn man geübt hat.

Katrin ist 14 Jahre alt und lernt seit einem Jahr Klavierspielen bei meinem Mann. Sie ist sehr schüchtern, spricht kaum und wenn, dann nur sehr leise. Auf Fragen antwortet sich nicht, weder auf offene, noch auf geschlossene. Fruchtbare Kommunikation ist so fast unmöglich. Was sie gerne spielen möchte, wie sie sich fühlt und wie es ihr beim Üben geht, weiß mein Mann -aus ihrem Mund- auch nach einem Jahr noch nicht. Allerdings berichtet die Mutter, dass Katrin mit Begeisterung bei der Sache ist und sehr gerne zum Unterricht kommt.

Die Schweigsamen
Mit der Pubertät ändert sich das Auftreten vieler Schüler. Katrin ist kein Ausnahmefall und sie hat erst innerhalb dieser Entwicklungsphase mit dem Unterricht begonnen. Viele Mädchen verhalten sich in diesem Alter Männern gegenüber sehr zurückhaltend. Vordergründig könnte man denken, dass ein Wechsel zu einer Lehrerin nötig wäre. Dem widerspricht aber die Aussage der Mutter.
Auch hier sind wir als Erwachsene gefordert, das Verhalten der Schüler nicht als Verweigerung gegenüber der eigenen Person zu sehen, sondern als ein Suchen nach Orientierung in der Pubertät. Geduld und Sensibilität für die leisen Zwischentöne sind hier unerlässlich, auch wenn das sehr, sehr anstrengend ist.

Florian ist 14 Jahre alt und spielt Keyboard. Seine Begeisterung für Musik ist grenzenlos. Allerdings begeistert er sich überwiegend für das Herunterladen von Musik aus dem Internet auf sein Handy und das Hören derselben. Florian ohne Kopfhörer auf oder in den Ohren? Kaum vorstellbar. Völlig aufgekratzt stürmt er in den Unterrichtsraum, in seiner Hand Notenblätter fragwürdiger Herkunft mit einem „suuuuuper Titel“. Das Notenmaterial, aus Sicht seiner Lehrerin, schlecht und viiiiiiiiiel zu schwer. Aber er will nur das. In der folgenden Woche wiederholt sich die Szene. Nur, dass die Noten in seiner Hand, die eines anderen „suuuuuper Titels“  sind. Auf die Frage, nach dem Stück der letzten Woche, merkt er an, dass diese ja doch viel zu schwer war. Aber der neue Titel…

Suuuuuper Titel
Dass die Vorstellungen der Schüler, in Bezug auf die Auswahl ihrer Stücke, nicht mit ihrem tatsächlichen Können zusammenhängt, ist ein altes Phänomen. Aber zu keiner Zeit vorher, hatten die Schüler so direkt Zugriff auf Noten, gerade aktueller Titel, wie heute. Schulwerke durchzuarbeiten, um sich gewisse Fertigkeiten und Kenntnisse anzueignen war noch vor einigen Jahren ganz normal. Heute läuft ein moderner Unterricht mit Jugendlichen oft anders ab. Mit Schulwerken oder Notenbüchern zu bestimmten Themen sind viele Schüler heute nur noch zu Beginn ihrer Ausbildung zu begeistern. Das fordert von einer/einem LehrerIn, sich auf jeden Schüler ganz individuell einzustellen, nicht nur in Bezug auf seine Persönlichkeit und sein Lernverhalten, nein auch auf die Auswahl der Unterrichtsliteratur in jedem Stadium der Ausbildung. Viele gute Lehrer sitzen viele Stunden außerhalb des Unterrichts, um Musik von CDs oder von Youtube in Noten zu bringen. Das Engagement der Schüler hingegen, nimmt leider immer mehr ab. Auch haben viele nur sehr kurze Zeit Unterricht und üben zu wenig, um überhaupt genügend Können zu erwerben, aktuelle Titel in interessanter Form zu spielen.
Eine Patentlösung gibt es für dieses komplexe Problem nicht. Wenn Florian sein Verhalten nicht ändert, wird er keine interessanten Lieder auf dem Keyboard spielen können. Es gibt Probleme, da stoßen wir als Lehrer an Grenzen. Was bleibt, ist wiederum das Gespräch, in dem wir den Schülern erklären, dass es notwendig ist, dass wir den Lernweg vorgeben. Außerdem kann ein zusätzliches Gespräch mit den Eltern hilfreich sein. In diesem sollten klare Regeln für das Üben, die Auswahl der Spielstücke und den Lernweg festgelegt werden. Verständnis, Anleitung und das Überwachen vorgegebener Strategien ist auch hier der Schlüssel zum Erfolg.

An Florian erkennen wir, dass der Wunsch eines Kindes (und auch eines Jugendlichen) nach KÖNNEN -nicht nach lernen- enorm groß und leider auch sehr hinderlich sein kann. Doch betrachten wir es von der positiven Seite. Es zeichnet die Kinder aus, dass sie den Wunsch haben ein Musikinstrument spielen zu KÖNNEN. Es könnte ja auch etwas anderes sein.
Lasst uns also -in Zusammenarbeit mit den Eltern- den Schülern dabei helfen, sich diesen Wunsch zu erfüllen!

 

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