Wenn Schüler den Unterricht stören Teil 1

Alters- und gruppenbedingte Ursachen in der Frühförderung

Ein/e gute/r MusiklehrerIn muss in mehreren Bereichen kompetent sein und vielfältige Fähigkeiten in sich vereinen. Dazu gehört die Art, wie sie/er mit Störungen im Unterricht umgeht und wie sicher sie/er eine Gruppe führen kann. Die Ursachen für Störungen zu erkennen und passende Strategien zu entwickeln, darum soll es in dieser Artikelserie gehen. Hier der 1. Teil.


Max aus meiner Früherziehungsgruppe ist fünf Jahre alt, blond und hat das Gesicht eines Engels. Er singt wunderbar, macht alle schriftlichen Arbeiten zügig und gewissenhaft, er weiß auf jede Frage die korrekte Antwort und kommt gerne in die Musikschule. Max ein Musterschüler? Eigentlich ja, wenn da nicht…Tja, wenn da nicht die andere Seite von Max wäre. Die Gruppe kommt in den Unterrichtsraum und Max rennt als Superman durch die Gegend. Jeder der ihm im Weg steht, wird rüde angerempelt oder mit einer unsichtbaren Pistole erschossen. Stillsitzen oder stillstehen ist für ihn unmöglich, er ist ständig in Bewegung und dabei so ungestüm, dass er Kindern, die neben ihm sind, oft weh tut. Er redet dazwischen, macht Instrumente kaputt, malt auf den Boden und…. wird mich heiraten, sobald er groß genug ist. Max ist in allem konsequent, er hat immer gute Laune, er weiß alles und er stört in jeder Stunde.

Max ist ein extremes Beispiel aber größere und kleinere Vertreter seiner Art kennen alle LehrerInnen, die mit Kindergruppen arbeiten. In meinen Fortbildungsseminaren sind Fragen rund um Kinder, die den Unterricht stören, die häufigsten. Und auch die meisten Anrufe verzweifelter MusiklehrerInnen drehen sich um einen oder eine kleine/n Max.
Im Folgenden werde ich die häufigsten Probleme erörtern und euch Anregungen geben, die ihr im Unterricht ausprobieren könnt. Eine Patentlösung gibt es nicht, denn so unterschiedlich die Kinder sind, so unterschiedlich sind auch die Ursachen der Probleme. Und da wir keine therapeutische Aufgabe haben, können wir nur versuchen, unsere Gruppen gut zu führen, um einen abwechslungsreichen und freudevollen Unterricht abhalten zu können.

Warum stören Kinder den Unterricht?

Sicher ist jedem klar, dass sich diese Frage nicht mit zwei Sätzen beantworten lässt. Die Ursachen sind von vielen Faktoren abhängig. Die wichtigsten sind Alter, Geschlecht, Art des Unterrichts, familiärer Hintergrund, Erfahrung und Fähigkeit des Lehrers, Beschaffenheit des Unterrichtsraumes, Zusammensetzung der Gruppe, Rolle der Eltern im Unterricht, Uhrzeit des Unterrichtsbeginns und viele mehr. Wir werden deshalb im Weiteren die verschiedenen Altersstufen und Unterrichtssituationen gesondert untersuchen. Wir werden uns im ersten Teil dieser Artikelserien mit den alters- und gruppenbedingten Ursachen für störendes Verhalten von Schülern innerhalb der Frühförderung beschäftigen.
Eines sei aber grundsätzlich vorweg festzuhalten: Kinder, besonders im Vorschul- und Grundschulalter, haben einen ausgeprägten Bewegungsdrang und das Bedürfnis sich mitzuteilen. Sie möchten wahrgenommen und akzeptiert werden, sie testen Grenzen aus und fordern Erwachsene heraus. Das alles ist normal und für eine gesunde Entwicklung notwendig. Wenn ich damit, als LehrerIn, Probleme habe oder mich gestört fühle und erwarte, dass Schüler 30 oder 45 Minuten still und aufmerksam auf einem Stuhl oder einer Bank sitzen und zuhören, dann ist es besser, dass ich Erwachsene unterrichte.

Eltern-Kind-Gruppen

Eltern-Kind-Gruppen sind in den letzten 20 Jahren zu einem festen Bestandteil der musikalischen Frühförderung an vielen Musikschulen und anderen Einrichtungen geworden. Das Alter der Schüler in diesen Kursen liegt zwischen 0 und 4 Jahren.
In den Säuglingskursen gibt es mit störenden Kindern in der Regel keine Probleme. Störungen resultieren hier aus den Bedürfnissen der Säuglinge an sich und der Art, wie Eltern damit umgehen. Diese Störungen sind „normal“ und werden von den Teilnehmern auch als „normal“ empfunden. Aber wenn die Kinder älter sind, stehen viele Lehrer vor großen Herausforderungen.
Eltern-Kind-Kurse bedürfen einer konsequenten Führung von Seiten der Lehrkraft, denn nicht nur die Kinder wollen gelenkt werden sondern auch die Eltern – in den meisten Fällen die Mütter. Übernimmt die/der LehrerIn diese Führungsrolle nicht oder nur teilweise, befinden sich die Kinder in einem Autoritätsvakuum. Die Mutter weiß nicht, wann sie einschreiten soll und auch die/der LehrerIn ist unsicher. Diese Unsicherheit spüren Kinder und verhalten sich entsprechend.
Lösungsvorschläge:
– Legt Regeln für euren Unterricht fest und besprecht diese mit den Eltern im Voraus. Hängt diese Regeln im Unterrichtsraum auf oder verteilt sie als Elternbrief. Hier ein Elternbrief als Vorlage:

Liebe Eltern und Großeltern!
Ich begrüße Sie herzlich zu unserem neuen Kurs. Damit wir in den nächsten Wochen viele angenehme musikalische Stunden miteinander verleben können, möchte ich Sie um folgendes bitten:
– Während des Unterrichts wollen wir weder essen noch trinken. Bei extremer Witterung werden wir eine gemeinsame Trinkpause machen.
– Bitte gehen Sie mit Ihrem Kind vor dem Unterricht auf die Toilette.
– Wenn ihr Kind schreit oder weint, verlassen Sie mit ihm so lange den Raum bis es sich beruhigt hat.
– Während des Unterrichts unterhalten Sie sich bitte nicht mit anderen Eltern, sondern nehmen aktiv und konzentriert am Unterricht teil.
– Bitte bemühen Sie sich um Pünktlichkeit. Wenn Sie doch einmal zu spät kommen, betreten Sie leise und kommentarlos den Raum und fügt Sie sich ins Unterrichtsgeschehen ein.
– Lassen Sie bitte das Handy nur in Ausnahmesituationen eingeschaltet. Für dringende Telefonate verlassen Sie den Raum.
Herzliche Grüße

– Wenn sich ein Kind immer wieder sehr auffällig benimmt, sprecht die Mutter direkt und diskret an. Entwickelt mit der Mutter eine Strategie, wie ihr euch in Zukunft verhalten werdet. Oft sind die Mütter dankbar, wenn ihnen Hilfe angeboten wird. Zeigt ganz klar, dass alle Maßnahmen zum Wohle des Kindes sind und nicht, um es zu bestrafen.
– Bemüht euch bei neuen Kursen um eine entspannte Atmosphäre und lobt und bestätigt die Mütter, denn wenn diese unsicher und ängstlich sind, überträgt sich das auf die Kinder.
– Führt auch für den Unterrichtsablauf feste Regeln ein, an die sich alle halten müssen, z.B. neues Material wird erst herausgeholt, wenn das vor benutzte eingeräumt wurde.  Diese Regeln sowie feste Abläufe schaffen Struktur und geben Kindern aber auch Erwachsenen Handlungssicherheit. Und Sicherheit bedeutet Ruhe und Entspannung.

Ich habe es schon mehrmals erlebt, dass Kinder in den Kursen der 1- bis 3-jährigen sehr ängstlich waren und regelmäßig langanhaltend weinten, weil sie sich scheinbar vor einer anderen Mutter oder einem Vater fürchteten. Ein Wechsel in eine andere Gruppe hat dieses Problem immer lösen können.

Gruppen von 2- und 3-jährigen ohne Eltern

Kindergruppen von 2- und 3-jährigen lassen sich, bei einer überschaubaren Gruppengröße und nach einer Eingewöhnungsphase, leicht führen. Einige Kinder haben aber große Schwierigkeiten sich von den Eltern, besonders von ihren Müttern, zu lösen. Das Spektrum reicht von wirklicher Trennungsangst bis zu massiven Machtspielchen zwischen Mutter und Kind.
Über das Thema Trennungsängste und wie wir als Lehrer damit am besten umgehen, wird es einen gesonderten Artikel geben.
Ist die Trennung aber erfolgreich vollzogen, sind die Kinder dieser Altersgruppe mit Freude bei der Sache.

Wenn  hier Kinder den Unterricht immer wieder stören, liegen die Ursachen häufig in der Persönlichkeit des Kindes selbst. Schüler, die schnell beleidigt  sind oder wütend werden, schreien oder weinen oft laut und ausdauernd. Da die anderen Kinder der Gruppe sich noch nicht genügend von dem, was sie sehen innerlich distanzieren können, ist eine Fortsetzung das Unterrichts zunächst nicht möglich.
Wann immer ein Kind weint oder schreit, nehmt es in den Arm, tröstet es und sprechet ruhig mit ihm. Erklärt den anderen Kindern, warum es weint und dass auch Emotionen wie Zorn und Wut „normal“ und in Ordnung sind. Versucht es mit Ablenkung und gebt den anderen Kindern der Gruppe Anweisungen etwas zu tun.

Körperliche Übergriffe, wie das schlagen der Klanghölzer auf den Kopf des Nachbarn, ahndet sofort und ruhig aber mit Nachdruck. Wenn in meinen Gruppen ein Kinder auf meine Ermahnungen nicht hört, muss es seine Klanghölzer für den Rest des Spiels abgeben. In der Regel wirkt diese Maßnahme Wunder.

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Grundsätzlich ist es ratsam auf Störungen oder Verhaltensweisen, die die Gruppe oder den Ablauf des Unterrichts durcheinander bringen oder aufhalten, ruhig und bestimmt zu reagieren ohne anschließend nachtragend zu sein. Die meisten Kinder reagiert in diesem Alter schnell und positiv auf ruhige Ermahnungen. Beobachtet die Schüler gut, denn Müdigkeit, Kraftlosigkeit und Unwohlsein können 2- und 3-jährige noch nicht kompensieren und reagieren mit Gereiztheit und Weinerlichkeit. Solltet ihr feststellen, dass ein Kind zu Beginn des Kurses völlig übermüdet ist oder eine Krankheit „ausbrütet“, bittet die Eltern, mit ihm oder ihr wieder nach Hause zu gehen.

Obwohl die klassische Trotzphase in das Alter dieser Gruppe fällt, habe ich es in fast 30 Jahren Unterricht mit 2- und 3-jährigen nie erlebt, dass es im Musikunterricht zu massiven Trotzanfällen gekommen ist. Scheinbar verhindern die Gruppe und die Abläufe des Unterrichts, dieses extreme aber völlig normale Verhalten.

Gruppen von 4- und 5-jährigen

Die Gruppen der 4- und 5-jährigen stellt uns als Lehrer vor ganz andere Herausforderungen. Unser Max ist ein extremes aber typisches Beispiel eines auffälligen Kindes in diesem Alter.
Schüler dieser Altersgruppe wollen Teil einer Gruppe sein. Sie suchen nach ihrem Platz innerhalb einer Sozialgemeinschaft. Jungen und Mädchen verhalten sich unterschiedlich. Jungen suchen den Körperkontakt, sie raufen und sind auch bei ihren Sympathiebekundungen stürmisch und grob. Viele Mädchen raufen eigentlich nicht, sie sind verspielter, reden viel und ausdauernd und „zicken“ herum. Das ist nur eine grobe und unwissenschaftliche Charakterisierung aber sie fasst das zusammen, was wir täglich erleben.
Jungen und Mädchen testen Grenzen aus und überprüfen die Glaubwürdigkeit der Erwachsenen.

Damit wir diese Gruppen gut führen, müssen wir Regel aufstellen und Grenzen setzen, über deren Einhaltung wir konsequent wachen. Wir müssen aufmerksam beobachten und auch alles registrieren, was hinter unserem Rücken passiert. Kinder im Vorschulalter brauchen ehrliche Rückmeldungen von Seiten der Lehrkraft. Übermäßige Reaktionen sind genauso fehl am Platz, wie Lob für Dinge, die kein Lob verdienen.
Hier einige grundlegende Regeln, die sich in der Praxis bewehrt haben:
– Durchschaut provozierendes Verhalten und unterbindet es möglichst emotionslos.
– Schützt ruhige Schüler vor körperlichen Übergriffen.
– Sorgt für viel Abwechslung im Unterricht und achtet auf genügend Bewegungsaktivitäten.
– Stellt für einzelne Elemente, z.B. den Umgang mit Musikinstrumenten feste Regeln auf und achtet konsequent auf die Einhaltung.
– Schüler die Gruppenaktionen wiederholt und mutwillig stören, dürfen in dieser Stunde an der entsprechenden Aktivität nicht mehr teilnehmen.
– Wenn ihr von euren Schülern nach eurer Meinung gefragt werdet, antwortet ehrlich und begründet eure Meinung in kindgerechten Worten.

All diese Punkte zeigen den Kindern, dass jede Gruppe ihre eigenen Regeln hat. Die der Musikschule sind vielleicht andere, als die, die sie von Zuhause oder aus dem Kindergarten kennen. Das ist aber in Ordnung, weil es die Regeln unseres Zusammenlebens sind. Regeln sind allerdings nur sinnvoll, wenn über die Einhaltung gewacht wird. Daran wachsen die Kinder und wir schaffen ein Umfeld, in dem Musikunterricht zu einem positiven Erlebnis für alle Beteiligten wird.

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Fazit

Viele Störungen im Unterricht resultieren allein aus dem Alter und dem damit verbundenen Entwicklungsstand der Kinder. Je mehr wir über den Bereich Entwicklungspsychologie wissen, desto besser können wir auf störendes Verhalten reagieren.
Unsere Gruppen brauchen eine verständnisvolle aber starke und konsequente Führungsperson. Selbstdisziplin und Aufmerksamkeit sind unverzichtbare Eigenschaften eines guten Lehrers.
Arbeiten wir also an uns, dann werden wir weniger Probleme mit unseren Kinder-Gruppen haben.

Packen wir es an!

Weitere Artikel zu dem Thema „Wenn Schüler den Unterricht stören“:
– Teil 2    Alters- und Gruppenbedingte Ursachen im Instrumentalunterricht
– Teil 3    Wenn Kinder massiv stören oder sich verweigern

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Kommentare

  1. LZ sagt

    Hallo Gabriele,

    wieder ein sehr schöner Artikel.

    Gruß
    LZ

  2. Gabriele Zimmermann sagt

    Hallo LZ,

    es freut mich, dass du wieder dabei bist und dir der Artikel gefallen hat.

    Viele Grüße

    Gabriele

  3. Berthold sagt

    Danke Gabriele für den wiederum rundum gelungenen Artikel.
    Da ich nicht nur jüngere Kinder unterrichte, sondern auch mit den „älteren“ zu tun habe, bin ich sehr gespannt, was du hoffentlich hilfreiches als nächstes zu berichten hast. Nochmals Danke und beste Grüße
    Berthold

    1. Gabriele Zimmermann sagt

      Hallo Berthold,
      vielen Dank für deinen Kommentar.
      Der Artikel, in dem es um die älteren Schüler geht, wird bald erscheinen.
      Viele Grüße
      Gabriele

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