Die Eltern meiner Schüler – Lernpartner oder Querulanten

Freiberufliche Lehrer unterrichten überwiegend Kinder und Jugendliche und werden aber von deren Eltern bezahlt. Wie kann es gelingen, Schüler zu begeistern und auch deren Eltern zufrieden zu stellen und sie als Lernpartner zu gewinnen.

„Ich mag meinen Beruf und komme auch mit meinen Schüler gut aus – aber – die Eltern…“ Jeder, der als Lehrer mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, hat diese oder ähnliche Worte schon einmal gedacht und/oder sie von KollegInnen gehört.
Ich selbst bin Lehrerin und Mutter und kenne beide Seiten. Mehrmals, während meiner 30-jährigen Tätigkeit, war ich kurz davor, diese aufzugeben, nicht wegen meiner Schüler, sondern aufgrund des Verhaltens einiger Eltern. Und als Mutter hatte ich, aus meiner mütterlichen Sicht natürlich, mit sehr guten, guten, schlechten und sehr schlechten Lehrern zu tun.

Wo aber liegen die Probleme genau?  Und gibt es Strategien für eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Lehrern und Eltern?

Eine kurze Antwort auf die zweite Frage gleich zu Beginn: Ja, die gibt es! Nicht mit einer hundertprozentigen Erfolgsquote aber mit einer, die so hoch ist, dass jede/r engagierte LehrerInn in diesem Beruf alt werden kann.

Schauen wir uns das Problem und die Hintergründe genauer an.

Lehrer ist nicht gleich Lehrer

Zunächst ist es notwendig zwei Arten von Lehrern zu unterscheiden. Das eine sind Lehrer im normalen Schuldienst. Das andere sind Lehrer, die für ihre Lehrtätigkeit (außerhalb des staatlichen Pflichtunterrichts) direkt von den Eltern der Schüler bezahlt werden. Und hier in erster Linie Lehrer, die im künstlerischen Bereich (Musik, Tanz, bildende Kunst) tätig sind. Was unterscheidet diese beiden Gruppen?

Lehrer im normalen Schuldienst werden nicht von den Eltern direkt bezahlt, auch nicht an Privatschulen. Der Unterricht, den sie erteilen, ist staatlich vorgeschrieben. Eltern können zwar einen Schulwechsel veranlassen aber sie können das Schulsystem nicht gänzlich verlassen und wissen, dass die Schule sich ihren persönlichen Bedürfnissen nur sehr bedingt anpasst.

Lehrer, die eine freie künstlerische Lehrtätigkeit ausüben, z.B. Instrumentalunterricht geben, sind dagegen direkt oder indirekt von den Eltern ihrer Schüler finanziell abhängig. Eltern können innerhalb kurzer Kündigungsfristen ihre Kinder aus dem Unterricht nehmen oder die Ausbildung komplett beenden. Außerdem erwarten sie sogar, dass der Unterricht auf ihre und die Bedürfnisse ihres Kindes ausgerichtet ist.

Lehrer in einer freien künstlerischen Lehrtätigkeit

Nach meiner Meinung befinden sich Lehrer in einer freien künstlerischen Lehrtätigkeit in einer viel schwierigeren Situation, gerade im Bereich der finanziellen Absicherung, als ihre KollegInnen an einer allgemeinen Schule. Deshalb soll es in diesem Artikel um die freie Lehrtätigkeit gehen. Ein späterer Artikel wird sich mit dem Musikunterricht an allgemeinbindenden Schulen beschäftigen und dann auch die Situation der LehrerInnen in diesem Tätigkeitsfeld beleuchten.

LehrerIn oder KinderbespaßerIn

Immer wieder erlebe ich, dass wir freiberuflichen Lehrer im künstlerischen Bereich gar nicht als vollwertige Lehrer wahrgenommen werden. Jedenfalls nicht mit der gleichen Autorität, wie die Lehrer an den „normalen“ Schulen. Die Erwartungen an uns und unseren Unterricht, von Seiten der Eltern, sind sehr unterschiedlich und so wird auch der Wert unserer Tätigkeit sehr unterschiedlich bemessen.

„Na, hat es denn Spaß gemacht?“

Die Häufigste Frage der Eltern an ihre Kinder nach dem Musikunterricht ist: „Na, hat es denn Spaß gemacht?“ Eine erfahrene Kollegin in der musikalischen Frühförderung erzählte mir, dass diese, ständig gestellte Frage, sie verzweifeln lässt, denn sie zeigt, dass sie nach Sicht der Eltern scheinbar mehr ein Zirkusclown ist, als eine Lehrerin. Sie hat deshalb ihre Eltern darauf hingewiesen, dass die Frage doch eher lauten sollte: „Habt ihr heute etwas Tolles oder Neues gelernt?“  Doch das schient für viele nicht wirklich im Vordergrund zu stehen.
Die Wortwahl ist hier nicht das eigentliche Problem. Musik- oder Ballettunterricht am Nachmittag ist eine Freizeitbeschäftigung und muss, im Gegensatz zum Schulunterricht am Vormittag, Spaß machen und zwar möglichst immer. Ist das nicht der Fall, wird das Kind abgemeldet und man beginnt eine andere Freizeitbeschäftigung. Was viele Eltern nicht sehen, ist, dass Musikunterricht, ob im Ballett, in der Frühförderung oder im Instrumentalunterricht, ein Ausbildungsprozess ist, der nicht immer Spaß machen kann. Die Kinder werden an körperliche und intellektuelle Hürden geführt, die sie nur mit Fleiß und Ausdauer überwinden können.

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Ein Lernteam werden

Ist es möglich, die Eltern aus diesem Spaß-Modus zu holen und mehr Wertschätzung für unsere Arbeit zu bekommen?
Hier einige Ideen, wie das gelingen kann.
Zunächst aber die Überlegung, wie denn die idealen Eltern unserer Schüler sein sollten? Wir alle wünschen uns Eltern, die uns und die Kinder bei dem oben erwähnten Ausbildungsprozess unterstützen.
Also:
◆    Sprecht  mit den Eltern. Setzt kein Vorwissen voraus. Viele Eltern hatten selbst keinen Musikunterricht. Erklärt in Vorgesprächen und danach immer wieder, was es heißt, z.B. ein Musikinstrument zu lernen. Zeigt den Eltern regelmäßig, wie sie die Kinder unterstützen können und lobt die Eltern für ihr Engagement.
◆    Moderne Unterrichtskonzepte, gerade für jüngere Schüler, beziehen die Eltern in den Unterricht und das Üben zu Hause mit ein. Nutzt solche Konzepte.
◆    Zeigt eure Kompetenz. Zeigt den Eltern in Gesprächen und durch euer Verhalten, dass ihr ein/e „Lehrfachfrau/mann“ seid. Nehmt an Fortbildungen über Didaktik, Pädagogik und Entwicklungspsychologie teil oder lest entsprechende Bücher oder Artikel.
◆    Nehmt den Unterricht ernst. Wenn ihr möchtet, dass die Eltern den Unterricht als ernsthafte Ausbildung und nicht als Kinderbelustigung sehen, sollten auch ihr ernsthaft bei der Sache sein. Ein Lehrer, der unzuverlässig ist, häufig den Unterrichtsraum während der Stunde verlässt oder im Fünfminutentakt sein Handy checkt zeigt selbst wenig Ernsthaftigkeit.
◆    Seit freundlich und interessiert, dann werden es auch eure Gesprächspartner sein.

Die Empfänger unserer Leistung sind nicht unsere Bezahler

Eine Besonderheit bei der Tätigkeit aller freiberuflichen Lehrer, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, ist, dass die Empfänger ihrer Leistungen nicht ihre Bezahler sind.
Wir arbeiten mit den Kindern, bezahlt werden wir aber von den Eltern, die in der Regel im Unterricht nicht dabei sind. Viele Eltern sehen wir nie, da die Schüler alleine zum Unterricht kommen.

Wie können wir dieser Tatsache begegnen?

Drei wichtige Punkte müssen uns bewusst sein:
1. Es ist notwendig, nicht nur die Schüler sondern auch deren Eltern zufrieden zu stellen, sonst werden sie uns nicht mehr bezahlen.
2. Durch Gespräche sollten wir herausfinden, was die Eltern von uns und unserem Unterricht erwarten.
3. Wenn wir nicht vor oder nach dem Unterricht mit den Eltern sprechen können, weil sie nicht da sind oder wir keine Zeit haben, ist es ratsam, regelmäßig Kontakt zu ihnen aufzunehmen, z.B. telefonisch oder in Form von Elternabenden oder Elternbriefen.

Unsere besten Vorsätze und fachlichen Überzeugungen nutzen uns nichts, wenn die Eltern davon nichts wissen oder damit nicht übereinstimmen. Kompromisse sind in allen Bereichen des Lebens notwendig, besonders aber bei der Betreuung von fremden Kinder. Unsere Schüler sind nicht unsere eigenen Kinder. Über die erzieherische Ausrichtung entscheiden ausschließlich die Eltern.

Wie sich mein persönlicher Blickwinkel veränderte

Zum Abschluss möchte ich euch noch eine Kleinigkeit aus meinem 30 Jahre währenden Lehrerleben erzählen.
Als ich mit meiner Tätigkeit begann, war ich sehr jung und hatte keine eigenen Kinder. Aus meiner Sicht wußte ich viel und konnte es überhaupt nicht verstehen, dass es bildungsnahen Eltern nicht gelingt, mit ihren Kindern täglich 15 Minuten zu üben und das mindestens 5 mal in der Woche.
Nachdem ich selbst Mutter von zwei Söhne geworden war, musste ich erkenne, dass der Alltag einer Familie seine eigenen Gesetze hat und dass ich trotz guter Vorsätze vieles nicht geschafft habe.
Aus den persönlichen Erfahrungen mit meinen Söhnen im Familienalltag entwickelte ich ein großes Verständnis für die Eltern meiner Schüler. Nichts aber auch wirklich gar nichts, was mir die Eltern meiner Schüler erzählen, habe ich nicht auch schon in ähnlicher Form erlebt. Warum sollte ich also schlecht über jemanden denken?
Familien mit Kindern haben es nicht leicht. Wir leben in einem Land, in dem Familie, Kinder und gute Bildung politisch und gesellschaftlich nicht an erster Stelle stehen und wenig geschätzt werden.
Deshalb habe ich Wertschätzung für alle Menschen, die eine Familie gründen, Kinder aufziehen und diese zum Musikunterricht bringen. Ich finde, sie haben meine volle Unterstützung verdient und ich glaube, dass sie das spüren. Nicht alle Eltern begegnen mir immer respektvoll, aber die meisten.

 

Dieser Artikel wird fortgesetzt:

– Veränderungen in Familie und Gesellschaft – Veränderungen im Musikunterricht
– Musikunterricht an allgemeinbildenden Schulen

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Kommentare
  1. R. Reif sagt

    Sehr schön!

    1. Heiko sagt

      Stimmt

      1. Hallo Heiko,
        vielen Dank für deinen Kommentar.
        Viele Grüße
        Gabriele

    2. Hallo,
      vielen Dank für deine Rückmeldung.
      Viele Grüße
      Gabriele

  2. Julia Maier sagt

    Hallo Carla,

    in Sachen Kommunikation kann ich dir nur zustimmen. Man muss sich viel mit den Eltern auseinandersetzen, schließlich sind sie diejenigen die zahlen.

    Liebe Grüße
    Julia

  3. Julia Maier sagt

    Hallo Gabriele,

    danke für den tollen Artikel.

    Liebe Grüße
    Julia

    1. Julia Maier sagt

      Das Bild ist übrigens sehr passend!

      1. Hallo Julia,
        ja, das Bild gefällt mir auch gut. Eine liebe Freundin hat es für den Artikel gezeichnet.
        Viele Grüße
        Gabriele

  4. Liebe Carla,
    vielen Dank für deinen Kommentar.
    Ich sehe, wir haben die gleichen Ideen.
    Dir auch einen schönen „Restsonntag“.
    Viele Grüße
    Gabriele

  5. Liebe Leser,
    aufgrund technischer Probleme war es am Sonntag Abend zu einem Ausfall der Kommentarfunktion gekommen. Die Probleme wurden aber behoben und nun funktioniert sie wieder.
    Entschuldigt!
    Viele Grüße
    Gabriele
    Ich würde mich auch über Kommentare auf meiner Facebook-Seite freuen.
    http://facebook.com/musikdidaktik

  6. LZ sagt

    Hallo Gabriele,

    vielen Dank für die tollen Gedanken.

    Wann wird der Artikel fortgesetzt?

    Gruß
    LZ

    1. Hallo LZ,
      der Artikel wird auf jeden Fall fortgesetzt mit den Themen:
      – Veränderungen in Familie und Gesellschaft – Veränderungen im Musikunterricht
      – Musikunterricht an allgemeinbildenden Schulen
      Der genaue Zeitpunkt steht noch nicht fest.
      Viele Grüße
      Gabriele

  7. Roland Göttel sagt

    Wir unterrichten in unserer Musikschule über 400 Schüler und ich kümmere mich neben meinem Unterricht unter anderem auch um den Kontakt zu den Eltern, insbesondere den Erstkontakt. Ich kann sagen, dass man schon beim ersten Gespräch die Basis für eine gute „Zusammenarbeit“ legt indem man sich viel Zeit nimmt, die Eltern ernst nimmt, sie fair berät und genau das rüberbringt was die Musikschule auch darstellt. Ansonsten frage ich bei jedem Kontakt im Laufe der Zeit nach ob alles gut läuft etc. Ich bin oft überrascht wie entspannt und mit wie wenig Unstimmigkeiten mein Arbeitsalltag abläuft. Nicht zu unterschätzen ist auch das Verhältnis der Musikschule zu den Lehrern, die für die meisten Eltern und Schüler DIE MUSIKSCHULE sind. Ist das gut und fair, und identifizieren sich die Lehrer mit ihrer Musikschule, dann übertragen sie das auch auf Schüler und Eltern. Also insgesamt gesehen ein sehr „ganzheitliches Modell“ finde ich.

    1. Hallo Roland,
      ich kann dir in allen Punkten nur zustimmen, danke für deinen Kommentar.
      Viele Grüße
      Gabriele

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