Komm, sing mit mir

Jedes Kind hat das Recht, singen zu lernen

Singen ist etwas wunderbares und eine ganz natürliche Sache. Jedes Kind kann singen lernen und doch sind viele Kinder, trotz zahlreicher Initiativen, nicht mehr in der Lage zu singen. Was können wir als Musiklehrer in unserem Umfeld dagegen tun? Darum geht es in dem folgenden Artikel.

Singen ist etwas wunderbares, es macht Spaß, fördert die Gesundheit in körperlicher und geistiger Hinsicht, es verbindet uns mit unserer Vergangenheit, es kann Ausdruck des Widerstands und Ausdruck der Zugehörigkeit gleichermaßen sein.
Sicher stimmen die meisten von euch mit mir überein, dass ein Leben ohne Gesang undenkbar wäre. Wieviele wunderbare Stunden haben wir singend oder Gesang lauschend verbracht. Wieviele positive Emotionen verbinden wir damit. Unvorstellbar, dass es Menschen gibt, die all dies nicht erleben dürfen. Warum? Weil niemand mit ihnen als Kind gesungen hat.
Die Fähigkeit zu singen, ist uns Menschen angeboren. Doch wie beim Spracherwerb bedarf es eines liebevollen, singenden Umfelds, das uns zum Singen anregt und uns dabei unterstützt, unsere Singstimme zu gebrauchen und zu trainieren. Dieses Umfeld wird in erster Linie durch die Eltern erschaffen. Ein Kind lernt Sprechen, weil seine Eltern und andere nahe Personen mit ihm sprechen und es lernt singen, wenn seine Eltern und andere nahe Personen mit ihm singen.
Dieser Prozess hat Jahrhunderte lang funktioniert aber nun funktioniert er nicht mehr. Große Teile unserer Gesellschaft haben aufgehört, mit den Kindern in ihrem Umfeld zu singen. Eltern, Großeltern, ErzieherInnen und LehrerInnen waren bereit, das Singen gegen den Konsum von Musikkonserven einzutauschen. Noch erschreckender ist, dass das gleiche nun mit dem Sprechen passiert. Sprachforscher schlagen Alarm, angesichts der Sprachkompetenz von Vorschulkindern.
Es gibt heute mehr Initiativen für das Singen mit Kindern als jemals zuvor. Das ist begrüßenswert und auch dringend notwendig. Und trotzdem muss ich bei meiner Arbeit in der Musikschule feststellen, dass die Zahl der Kinder, die mit 4 Jahren nicht singen können, also nicht von ihrer Sprechstimme in die Gesangstimme wechseln können, immer noch zu nimmt. Noch erschreckender ist, dass viele Kinder, die im Kindergarten singen und CDs hören, sich nicht wirklich mit den Liedern verbinden, da die Melodien und/oder Text zu kompliziert sind.
Wollen wir Musiklehrer zulassen, dass das Singen allmählich aus unserer Kultur verschwindet? Sicher nicht!

Mein Aufruf: Lasst uns in unserem Umfeld noch mehr dafür kämpfen, dass jedes Kind singen lernt!

Einige mögen einwenden, ich singe doch mit meinen Schülern, und leite Kinderchöre. Bei mir können alle singen.
Ihnen rufe ich zu: „Super, weiter so!“

Für alle anderen, hier einige Gedanken.

Singen in der Frühförderung

Uns Lehrern in der Frühförderung kommt eine besondere Rolle zu.
Wir haben in unserer Ausbildung gelernt, wie sich die Kinderstimme entwickelt. Wir haben ein großes Liedrepertoire und Singen ist fester Bestandteil unseres Unterrichts. Und wir haben in der Regel einen engen Kontakt zu Eltern mit kleinen Kindern.
Doch, um für eine Sache zu kämpfen, reichen Wissen und Können nicht aus.
Was können wir also tun?

Lasst uns dem Singen in unserem Unterricht einen noch wichtigeren Stellenwert geben. Man kann nur für eine Sache kämpfen, die einem wichtig ist.
Wählt eure Lieder noch sorgfältiger aus. Entsprechen sie in Tonumfang, Melodieführung und Text den Bedürfnissen der Kinder?  Oft neigen Erwachsenen dazu, Lieder aus dem Blickwinkel von Erwachsenen zu beurteilen. Das sollten wir nicht tun. Auch ich verdrehe innerlich die Augen, wenn mir die nächste Generation von Kindern voller Begeisterung das Lied „Oh Tannenbau, oh Tannenbaum, die Oma hängt am Gartenzaun“ vor singt. Ich habe es schon 1000 mal gehört aber die Kinder nicht. Für sie ist es neu und toll. So wie es vor 45 Jahren für mich toll und neu war. Kein Kind hat sich je bei mir beschwert, dass es „Summ, summ, summ“ singen muss. Aber Musiklehrerinnen haben mein Unterrichtskonzept „Kleine Musikkinder“ abgelehnt, weil man angeblich einem dreijährigen Kind heute nicht mehr zumuten kann, „Summ, summ, summ“ zu singen.
Setzt euch zum Ziel, dass möglichst alle Kinder eurer Kurse singen lernen und dass sie ein Repertoire aufbauen, auf das sie wirklich zugreifen können. Was bedeutet das? Selbst Fünfjährige sind heute kaum noch in der Lage, ein Lied zu nennen und zu singen, das sie kennen. Das liegt daran, dass die Lieder, die sie im Kindergarten singen oft nicht altersgerecht sind und nur sehr kurze Zeit gesungen werden. Für Kinder ist es aber wichtig, dass es Lieder gibt, die sie ihre ganze Kindheit hindurch begleiten. Wenn ich meine Söhne gefragt habe, welches Gute-Nacht-Lied ich für sie singen soll, haben sie nicht drei oder vier genannt sondern nur eines und das eine sollte ich immer und immer wieder singen.
Wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Junge Erwachsene lieben die Abwechslung. Kleine Kinder nicht. Darum lieben Kinder auch Oma und Opa, weil bei denen immer alles so wunderbar gleichförmig ist. Es gibt immer Nachtisch. Das Sofa steht immer an der gleichen Stelle mit samt der roten Kuscheldecke und Mamas alter Puppe.  Opa holt immer die Kiste mit den alte Autos vom Dachboden und er achtet immer darauf, dass sie wieder ordentlich eingeräumt wird. Ein wahres Kinderparadies.
Erschafft im musikalischen Sinne ein Kinderparadies. Singt immer das gleiche Begrüßungs- und Abschiedslied. Singt die Lieder mit den Kindern so oft, dass sie Text und Melodie sicher beherrschen und sich mit ihnen innerlich verbinden können. Wenn sie sich Lieder wünschen, singt sie. Plant „Wünschestunden“ generell mit ein.

Nutzen wir den engen  Kontakt zu den Eltern unserer Schüler
Ermuntert die Eltern dazu, mit den Kindern zu singen. Erklärt ihnen in Elternabenden oder Einzelgesprächen, wie wichtig ihre Rolle dabei ist und welche positiven Auswirkungen das Singen auf die allgemeine Entwicklung hat. Motiviert die Eltern immer wieder und gebt ihnen Mut und Selbstvertrauen, ihre Stimme zu erproben.
Empfehlt ihnen passende Literatur und gute CDs. Im Rahmen unseres „Musikdidaktik-Weihnachts-Specials“ werde ich in der kommenden Woche 2 wunderbare Kinderlieder-CDs vorstellen.

Das nachfolgende sehr preiswerte Buch sollte jede Mutter, jeder Vater und jede/r ErzieherIn gelesen haben. Es eignet sich auch für alle Musiklehrer, die sich schnell Wissen über das kindliche Singen aneignen oder es auffrischen wollen.

BUCHEMPFEHLUNG

Autor: Friedhilde Trüün

Titel: Komm, sing mit mir: Denn jedes Kind kann singen lernen

Verlag: Carus Verlag/ Reclam – 2012

Preis: 7,95 Euro

„Singen ist die natürlichste Sache der Welt! Jeder Mensch ist von Geburt an musikalisch und jeder Mensch kann singen“
Mit dieser Botschaft eröffnet die renommierte Dozentin für Kinderchor und Stimmbildung Friedhilde Trüün,  ihr Buch „Komm, sing mit mir“. Sie macht Eltern und allen anderen Personen aus dem Umfeld von Kindern Mut, auf die eigene Musikalität zu vertrauen und mit den Kindern zu singen. Dabei zeigt sie Wege auf, wie das Singen in den Familienalltag einfließen kann. Singen fördert die Entwicklung der Kinder, insbesondere die Sprachentwicklung und die Fähigkeit Zuzuhören, das ist wissenschaftlich belegt. Frau Trüün erklärt in leicht verständlicher und liebevoller Art, wie sich die Singstimme entwickelt. Doch viele Eltern und auch ErzieherInnen sind unsicher und geben diese Unsicherheit an ihre Kinder weiter. Ihnen gibt die Autorin konkrete Anleitungen, ihre eigene Singstimme zu finden und kindgerecht mit den Kleinen zu musizieren. Eine Sammlung von Liedern, Fingerspielen und Übungen laden dazu ein, sofort damit zu beginnen.
Das Buch ist übersichtlich und gut strukturiert. Kurze Abschnitte, farblich unterlegte Texte, Zusammenfassungen und Bilder laden zum Querlesen ein.
Ein wunderbares Werk für Laien und alle, die sich schnell einen Überblick verschaffen wollen.

*****    fünf Sterne

Singen im Instrumentalunterricht

Anders als in der Frühförderung wird im Instrumentalunterricht häufig überhaupt nicht gesungen. In meinem eigenen Unterricht, den ich als Kind genossen haben, wurde nie gesungen.
Dabei spielen Schüler, die ihre Stücke singen können, besser, als die, die es nicht können. Warum ist das so?
Die Grundlage, ein Musikstück musikalisch und ausdrucksstark vorzutragen, ist unser Schatz an Musikerfahrungen, unsere musikalische Muttersprache. Das sind alle Lieder und Musikstücke, die wir gehört, nach denen wir uns bewegt, die wir gesungen und musiziert haben. Je größer unser musikalischer „Wortschatz“ ist, desto besser musizieren wir. Wir gestalten ein neues Stück nach unseren gesammelten Musikerfahrungen. Wenn wir uns viel mit Barockmusik beschäftigt haben, fällt es uns leicht, ein fremdes Barockstück einzustudieren und vorzutragen. Natürlich brauche ich auch die technischen Voraussetzung aber das ist Training.
Wenn ein Kind das Lied „Kuckuck, ruft’s aus dem Wald“ kennt, es singen kann und sich passend zum Metrum bewegt, wir es unbewusst versuchen, das Lied auf dem Instrument, mit den Erfahrungen im Bereich Gesang, Gehör und Bewegung in Übereinstimmung zu bringen. Das ist ein ganzheitlicher Prozess, der zwangsläufig zu besseren Ergebnissen führt, als das rein intellektuelle Erarbeiten eines Stücks über die Gesetze der Notenschrift. Hat ein Schüler genügend musikalische Erfahrungen gesammelt, kann er, wie im Beispiel der Barockmusik, diese Erfahrungen auch auf unbekannte Stücke übertragen.
Wenn ihr mit jüngeren Schülern arbeitet, nutzt den Wunsch der Kinder, die Lieder, die sie singen, auch auf dem Instrument spielen zu können. Ganzheitliche Unterrichtsprogramme im Bereich des frühkindlichen Instrumentalunterrichts, wie meine Programme „Die neuen Tastenkinder“, „Gitarrenkinder“, „Flötenkinder“ beruhen genau darauf. Singen ist hier fester Bestandteil des Instrumentalunterrichts.

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Habt den Mut, das Singen in eurem Instrumentalunterricht einzuführen und zu pflegen. Ein cooler Gitarrenlehrer, der singt, zeigt, dass Singen nicht uncool sein kann. Ein Lehrer der singt, zeigt, dass singen zum Musizieren gehört, so wie das Stimmen des Instruments. Singen erfrischt den Körper, macht wach und das Gehirn frei. Das gilt für Lehrer und Schüler. Probiert es einfach, denn für das Singen zu kämpfen, heißt auch, den Schülern die Freude daran zu bewahren.
Wenn ihr unsicher in Bezug auf euer eigenes Singen und das Singen mit Kindern seid, leßt das oben besprochene Buch oder befragt eure Gesangskollegen/innen.

Wenn die Schüler nicht singen wollen
Was kann ein/e LehrerIn tun, wenn die Schüler im Instrumentalunterricht nicht singen wollen? Mit jüngeren Kindern hat man in der Regel keine Probleme. Aber irgendwann kommen die Schüler in ein Alter, in dem sich viele davor scheuen. Das hat mit den Prozessen in der Pubertät zu tun aber auch damit, dass sie es nicht gewohnt sind, zu singen. Hier ist zunächst wieder der Lehrer als Vorbild gefragt.
Obwohl ich persönlich viel im Unterricht singe, hatte ich in der letzten Woche folgendes Ereignis.
Jana 14, Anna 14, Tobias 15 und Davina 15 lernen im Gruppenunterricht Klavier. Sie waren 3 bzw. 4 Jahre alt, als sie bei mir im der Musikschule angefangen haben. Seit dem musizieren und singe wir gemeinsam. Jana und Davina äußerten letzt Woche nun den Wunsch, das Lied „Rudolph the Rednosed Reindeer“ in der Gruppe gemeinsam zu spielen und zu singen. Anna und Tobias lehnten den Vorschlag entsetzt ab, mit dem Argument, sie könnten nicht singen.
Es entwickelte sich ein angeregtes Gespräch über die Singstimme, den Stimmbruch und viele andere Aspekte. Ich erklärte den ihnen, dass jeder Mensch, der gesunde Stimmbänder und einen gesunden Kehlkopf hat, singen kann. Dann erinnerte ich sie daran, dass wir ja schon immer  miteinander singen und ich ihre wunderbaren Stimmen deshalb kenne. Es war plötzlich sehr still im Raum, jeder war in sich versunken. Anna schien den Tränen nahe zu sein. Doch dann kam wieder Leben in die Gruppe. Sie beschlossen, es einmal vorsichtig mit dem gemeinsamen Singen zu probieren. Zunächst sangen sie leise, dann immer sicherer und schließlich hallte ein wunderbarer kraftvoller Gesang durch den Raum. Drei begeisterte Frauenstimmen, unterlegt von einem samtweichen Bariton. Nun war ich den Tränen nahe.
Ich weiß nicht wer oder was Anna und Tobias im vergangenen Jahr geflüstert hat, sie könnten nicht singen. Aber wer oder was immer es war,  wurde von mir mit Nachdruck zum Schweigen gebracht. Manchmal muss man als Lehrer seine ganze Autorität dafür einsetzen, pubertäre Flausen liebevoll aus den Köpfen der Schüler zu blasen.
Erklärt und zeigt euren Schülern immer wieder, wie wunderbar und wichtig das Singen ist. Seid ein gutes Vorbild. Erläutert ihnen, was beim Stimmbruch passiert und dass dieser ganz normal ist, bei Jungen, wie bei Mädchen. Zeigt ihnen, wie ein „Erwachsener“ singt. Holt euch, wenn nötig, Unterstützung. Wenn ihr als Frau mit einem halbstarken Jungen arbeitet, bittet einen Kollegen um Unterstützung. Männersachen werden besser unter Männern besprochen. Sich Unterstützung zu holen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern zeigt Stärke und Respekt vor den Schülern.

Singen ist eine wunderbare Sache und es lohnt sich, dafür zu kämpfen, dass das Singen nicht in Vergessenheit gerät. Nur wenn möglichst alle Kinder singen lernen und sich dann auch weiterhin dafür begeistern, werden wir den Prozess des Vergessens aufhalten können.

 

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Kommentare

  1. Robert Unge sagt

    Danke für den tollen Artikel.

    1. Gabriele Zimmermann sagt

      Hallo Robert,
      es freut mich, dass dir der Artikel gefallen hat. Vielen Dank für deine Rückmeldung.
      Herzliche Grüße
      Gabriele

  2. Gabriele Zimmermann sagt

    Liebe Carla,
    vielen Dank für deinen Kommentar. Ich freue mich, dass dir der Artikel gefallen hat. Sing weiter mit deinen Schülern, die Musikausbildung, die deine Schüler durch dich erhalten, wird dadurch noch wertvoller. Wir haben noch viele weitere Buchbesprechungen geplant, lass dich überraschen.
    Herzliche Grüße
    Gabriele

  3. Täglich mit Kindern singen | Musikdidaktik

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