Unterrichtsverträge – na und?

Sollte ich auf die Einhaltung meiner Unterrichtsverträge bestehen?

Eigentlich begann alles ganz harmonisch. Ich saß in meinem Arbeitszimmer. Die Sonne schien durch das Fenster und der Heizlüfter pustete warme Luft gegen meine Füße. Gutgelaunt hatte ich mir vorgenommen meinen Ablagekorb zu bearbeiten, als das Telefon klingelte. Am Apparat meldete sich eine Mutter, die den Unterrichtsvertrag ihre Kinder vor zwei Wochen gekündigt hatte:

Frau Müller: Ich habe Ihnen vor zwei Wochen eine Kündigung geschickt und daraufhin von Ihnen die Bestätigung bekommen. In dieser schreiben Sie, dass ich noch zwei Monate weiterbezahlen muss.

G. Zimmermann: Das ist richtig. Laut unseren Unterrichtsverträgen ist der nächste Kündigungstermin am … Ihre Kündigung ging fristgerecht ein und somit haben Ihre Kinder am … Ihre letzte Unterrichtsstunde und in diesem Monat wird auch die letzte Unterrichtsgebühr fällig.

Frau Müller: Ja, aber meine Kinder wollen gar nicht mehr Gitarre spielen.

G. Zimmermann: Haben Sie mit dem Gitarrenlehrer über dieses Problem gesprochen?

Frau Müller: Nein, warum?

G. Zimmermann: Weil es ganz normal ist, dass Schüler im Laufe einer musikalischen Ausbildung auch Phasen der Unlust durchlaufen. Wenn der Lehrer davon weiß, kann er darauf reagieren. Oft berichten mir Eltern davon, dass ihre Kinder zuhause nur unwillig üben, im Unterricht sind sie aber mit Begeisterung bei der Sache.

Frau Müller: Ja, aber die wollen nicht mehr Gitarre spielen.

G. Zimmermann: Dann geben Sie dem Lehrer einfach die Chance, den Unterricht in den kommenden zwei Monaten zu einem guten Abschluss zu bringen.

Frau Müller: Ich habe die Kinder jetzt aber schon zum Posaunenunterricht bei einem anderen Lehrer angemeldet. Und da muss ich jetzt auch Unterrichtsgebühren bezahlen.

G. Zimmermann: Dann müssen Sie wohl oder übel in den kommenden zwei Monaten doppelt bezahlen.

Frau Müller: Das ist eine Unverschämtheit und mein Mann findet das auch. Ihre Unterrichtsverträge sind nicht mehr zeitgemäß. Heute will man keine Kündigungsfristen mehr. Wie kann man nur so störrisch sein…

                       -knallt den Hörer auf-

Sicher könnt ihr euch denken, dass meine gute Stimmung sich während des Telefonats komplett aufgelöst hatte.

Wie immer nach solchen Erlebnissen frage ich mich, wozu ich überhaupt Unterrichtsverträge habe, wenn sich daran doch keiner halten will. Im Laufe meiner Berufstätigkeit ist mir aufgefallen, dass es immer wieder Zeiten gibt, in denen gehäuft Eltern meine Kündigungsfristen kritisieren und dann wieder welche, in denen es recht ruhig zugeht. Wenn ich also wieder mal mit meinem Schicksal hadere, denke ich über folgende Punkte nach:

Unterrichtsverträge ja oder nein?

Diese Frage beantworte ich eindeutig mit „ja“. Ein fairer Vertrag ist immer eine Absicherung für beide Vertragspartner. Die wichtigsten Punkte, wie Kündigungstermine, Zahlungstermine, Gebühren, Ferienzeiten, Bedingungen bei Krankheit, Umfang des Unterrichts usw. werden hier eindeutig festgelegt. Es gibt eine Redewendung, die besagt: „Der beste Vertrag ist der, den man abschließt und dann nie wieder zur Hand nehmen muss“. Verträge sollten also klar und verständlich sein. Ich persönlich nehme mir die Zeit, meine Unterrichtsverträge mit den Eltern Punkt für Punkt zu besprechen. Niemand soll hinterher sagen „das habe ich nicht gewusst“. Ich versuche auch meine Vereinbarungen fair zu gestalten. Jeden Abschnitt kann ich begründen. Da der Rahmen eindeutig abgesteckt ist, habe ich Spielraum, den Eltern außervertraglich entgegenzukommen, wo immer es mir möglich ist.

Lastschriftverfahren Vor- und Nachteile

Vor vielen Jahren haben wir in unseren Verträgen den Gebühreneinzug durch Lastschriften eingeführt. Das hatte sehr positive Auswirkungen. Laut unseren Unterrichtsverträgen ist die Unterrichtsgebühr zum ersten eines jeden Monats fällig. Im Durchschnitt waren am fünfzehnten des Monats lediglich die Hälfte aller Gebühren auf unserem Konto. Das hat sich mit den Lastschriften verändert. Das Geld geht pünktlich ein. Mahnungen müssen wir kaum verschicken auch Rückbuchungen sind relativ selten.

Natürlich haben Lastschriften auch Nachteile. Das Geld wird meinem Konto nämlich erst 6 Wochen nach Einzug tatsächlich gutgeschrieben. Mit Einführung des SEPA-Verfahrens ist diese Frist von 4 auf 6 Wochen hochgesetzt worden. Jeder, der mit Lastschriften arbeitet, muss demnach seinen Kontostand und den verfügbaren Rahmen gesondert betrachten.

Ärger wegen der Verträge

Trotz aller Maßnahmen kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen, wie oben aufgeführt. Diese unerfreulichen Gespräche versetzen Menschen wie mich in Unruhe und trüben den Blick auf die vielen Kündigungen, die friedlich und fristgerecht verlaufen. Deshalb kann es manchmal nötig sein, sich konkrete Zahlen anzuschauen. Hier ein Beispiel:

  1. Ich hatte zu diesem Kündigungstermin 10 Kündigungen.
  2. Ich hatte mit 2 Familien Diskussionen wegen der Kündigungsfrist.
  3. Ich hatte demnach mit 8 Familien keine Diskussionen wegen der Kündigungsfrist.

Daraus folgt: Mit dem überwiegenden Teil meiner Kundschaft verlaufen die Kündigungen harmonisch.

Einhaltung der Verträge einfordern

Ich habe viele Jahre gebraucht, bis ich mir das Recht zugestanden habe, auf die Einhaltung meiner Verträge zu bestehen. Warum? Weil ich mir früher viel zu viele Gedanken gemacht habe. Heute weiß ich, dass sich meine Kundschaft diese Gedanken nicht macht. Viel zu oft habe ich Familien vorzeitig aus dem Unterrichtsvertrag gelassen und musste hinterher feststellen, dass ich zuvor bezüglich der Gründe belogen wurde. Gerade „wir wollen ja nur mal kurz pausieren“ höre ich oft. Zurückgekommen sind weniger als 1% derjenigen, die dieses Argument angeführt haben. Ich unterstelle diesen Familien nicht mal, dass sie mich bewusst angelogen haben. Vielleicht hatten sie zunächst wirklich vor, den Unterricht nur kurzzeitig zu unterbrechen. Zurückgekommen sind sie aber nicht. Wenn ich Kunden vorzeitig aus Verträgen entlasse, verzichte ich auf Geld, dass mir rechtlich zusteht. Heute bin ich mir bewusst, dass die meisten meiner Kunden ein wesentlich höheres Einkommen haben als ich. Warum soll ich also freiwillig auf Geld verzichten?

Vor einiger Zeit drohte mir eine Mutter, dass sie es überall bekannt machen würde, dass ich auf die Einhaltung meiner Kündigungsfristen bestehe. Darüber lächele ich heute. Wer sollte von mir etwas Schlechtes denken, wenn ich mich an geltende Verträge halte? Damals war ich jedoch zunächst tief schockiert. Erst hinterher dämmerte es mir, wie dumm diese Drohung war.

Denkanstoß

Wann immer ihr darüber nachdenkt, ob ihr auf die Einhaltung eurer Unterrichtsverträge bestehen sollt, macht euch folgendes bewusst: Eure Kündigungsfristen sind die einzige Sicherheit, die ihr als Freiberufler habt. Sie geben euch die Möglichkeit, wenigstens eine kurze Zeit ein sicheres Einkommen in einer bestimmten Höhe zu haben. Euer Handyvertrag läuft über zwei Jahre. Kein Anbieter wird euch vorzeitig aus dem Vertrag lassen, ausgenommen ihr schließt bei ihm einen teureren ab. Ich selbst habe einmal versucht meinen Handyvertrag 8 Stunden nach Ablauf der Frist zu kündigen. Das ging natürlich nicht. Ich habe weitere zwei Jahre bezahlt. Ich persönlich nehme Kündigungen auch noch eine Woche nach Ablauf der Frist an aber eben nur eine Woche danach und nicht zwei, drei oder vier.

Fazit

Ein Vertrag kann noch so fair und eindeutig sein. Es wird immer Kunden geben, die sich nicht an Vereinbarungen halten wollen. Damit müssen wir uns abfinden. Als freiberufliche Musiker können wir uns leider nicht nur mit Musik beschäftigen, wir müssen auch Unternehmer sein und in der Geschäftswelt wird eine andere Sprache gesprochen als in der Kunst. Auch damit müssen wir lernen umzugehen. Deshalb wünsche ich euch viele zufriedene Kunden und für alle anderen ein „dickes Fell“.

 

Kommentare
  1. Michaela sagt

    Herzlichen Dank für diesen Beitrag.
    Sonnige Sonntagsgrüße aus Freiburg
    Michaela

    1. Ich danke dir, liebe Michaela, für deine Rückmeldung.
      Liebe Grüße nach Freiburg
      Gabriele

  2. Gerhard Wolters sagt

    Wir führen in diesem Jahr zum ersten Mal eine Eltern-Besuchswoche Mitte März durch, um ganz konkret mit den Eltern über Lust und Frust beim musikalischen Lernen zu sprechen.
    Allen, die nicht während der Unterrichtszeit kommen können, bieten wir einen Elternabend an.
    Und die sich die ganze Woche über nicht haben blicken lassen, werden angerufen (hier dürfte es am notwendigsten sein 😉 ).
    So hat die Lehrperson 2 Monate Zeit, um bis zum Kündigungstermin (meist 31.5.) noch Dinge in Absprache mit Kindern und Eltern verändern zu können.
    Alle Kolleginnen und Kollegen in der MDU-Ausbildung tauschen sich zeitnah im WhatsApp-Chat aus, um gute Ideen selbst sofort nutzen zu können.
    Da die SuS in MDU-Formen gewohnt sind, von- und miteinander zu lernen, gibt es immer ein paar Minuten, um ungestört mit den Eltern sprechen zu können.
    Und da die SuS bereits im Unterricht daran gewöhnt sind, regelmässige Zielvereinbarungen beidseitig auch verbindlich einzuhalten, dürfte es auch bei den Unterrichtsverträgen recht unproblematisch bleiben…

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