Was lernen deine Schüler?

Haben wir als Musiklehrende einen Bildungsauftrag, der über die Instrumentaltechnik hinausgeht?

Schaut man sich in den sozialen Netzwerken und anderen Medien um, wird der Ruf nach Bildungsreformen immer lauter. Immer mehr Menschen melden sich zu Wort. Sie mahnen und appellieren: Das Schulsystem, die Lehrmethoden und die Lerninhalte seien veraltet, die Schüler und deren Eltern orientierungslos und die Lehrer ausgebrannt oder überfordert.

„Gehirnforscher fordert neue Lerninhalte!“

„Unser Schulsystem hat ausgedient!“

„Lernen für die Zukunft!“

Leider verbreiten auch die „Fachleute“, die Reformen fordern, zusätzlich Unsicherheit, denn ihre Vorschläge sind unterschiedlich und widersprechen sich mitunter sogar. So fordern z.B. einige schon für Kindergärten und Grundschulen eine flächendeckende Ausstattung mit Computern und entsprechender Software, während andere genau vor diesen Bestrebungen eindringlich warnen.

Es stellt sich nun die Frage: Was sollten unsere Kinder jetzt und in Zukunft lernen? Und was geht das uns Musiklehrende an?

Was sollen unsere Kinder in Zukunft lernen?

Vor kurzem entdeckte ich auf Facebook dieses ARD-Tagesschau-Video:

In diesem spricht Jack Ma, Vorstandsvorsitzender der Alibaba Group darüber, dass Maschinen in naher Zukunft viele Jobs übernehmen werden. Das wird zu großen Problemen führen, wenn wir unsere Bildungsinhalte nicht verändern, denn die Kinder sollten nicht mit Maschinen konkurrieren. Lehrer dürfen deshalb nicht nur Wissen vermitteln, sondern den Schülern Helfen, Eigenschaften und Fähigkeiten zu entwickeln, die diese von den Maschinen unterscheidet. Diese Dinge sind: Werte, Überzeugungen, unabhängiges Denken, Teamwork und Mitgefühl. Das geschehe nach seiner Meinung durch Sport, Musik, Malerei und Kunst generell.

Die Aussagen Jack Mas haben mich nachdenklich gemacht und ich stimme grundsätzlich mit ihm überein.

Ist Musik wichtig?

In einem Punkt sind sich fast alle „Bildungsfachleute“ einig: Musik ist wichtig für die Entwicklung der Kinder. Umso erstaunlicher ist es, dass Musik im Schulalltag immer unwichtiger wird. Auf die künstlerischen Fächer wird bei jeder Umstrukturierung als erstes verzichtet. „Wir brauchen mehr Mathe also weg mit dem Musikunterricht.“ „Die Schüler brauchen bis zum Abitur Geschichte also weg mit dem Kunstunterricht.“ Dass gerade die Musik- und Kunstgeschichte den Schülern einen neuen Blick auf die Ereignisse und Gegebenheiten in der Vergangenheit vermitteln, wird dabei übersehen.

Was ist für unsere Schüler wichtig?

Die Frage, was für unsere Kinder in der Zukunft wichtig sein wird, können wir Instrumentallehrende, Chorleiter und EMP-Lehrende sicher nicht allumfassend beantworten. Wir können uns aber fragen, was ist für unsere Schüler wichtig?

Haben wir einen Bildungsauftrag oder reicht es, dass unsere Schüler sauber eine Cis-Moll-Tonleiter spielen können?

Ich persönlich bin der Meinung, dass wir als Musiklehrende unseren Schülern mehr vermitteln müssen, als reine Instrumentaltechnik.

Seit einigen Jahren kann ich bei den Familien (meist bildungsnahe Mittelschicht) meiner Musikschule einige grundlegende Veränderungen beobachten. Die Schule ist zum vorherrschenden Thema geworden. In den meisten Familien bestimmt sie den gesamten Alltag. Eine Musikausbildung halten viele für gut und wichtig aber nur so lange, bis es zu ersten Schwierigkeiten in der Schule kommt. Schon die Aussicht auf den Schulwechsel nach der 4. Klasse versetzt viele Eltern in Panik. Das Gymnasium ist ein Muss, egal wie die Leistungen des eigenen Kindes in der Grundschule sind. Von diesem Zeitpunkt an ist der Instrumentalunterricht nur noch Last und wird häufig beendet.

Damit verhindern die Eltern, dass die Kinder neben den Techniken des Instruments folgende wichtige Aspekte lernen:

– Durchhaltevermögen

– Konzentrationsfähigkeit

– Begeisterung für ein Thema außerhalb der Schule

– Erwerb künstlerischer Fähigkeiten

– Erwerb einer Fähigkeit, die psychischen und emotionalen Halt geben kann

– Steigerung des Selbstbewusstseins

– Die Fähigkeit, das eigene Können vor anderen zu präsentieren

Je nach Unterrichtsform, Zusatzangeboten der Musikschule und Engagement des Lehrenden zusätzlich:

– Teamgeist

– Verantwortungsgefühl

– Überzeugungskraft

– Unabhängiges Denken

Kommen euch einige Fähigkeiten bekannt vor? Genau, es sind viele dabei, die Jack Ma in seinem Plädoyer genannt hat.

Ich glaube, dass ein guter Musikunterricht den Schülern mehr vermitteln kann, als eine gute Instrumentaltechnik. Er kann es nicht nur, er sollte es sogar. Nur wenige unserer Schüler haben das Ziel, Berufsmusiker zu werden. Wir Lehrende sollten deshalb nicht alle unsere Schüler so unterrichten, als hätten sie dieses Ziel. Für die meisten ist es wichtig, dass das, was sie bei uns lernen, einen Nutzen für ihr Leben hat.

Der Nutzen für das Leben

Alle oben angeführten Fähigkeiten, die ein Schüler durch seinen Musikunterricht erwirbt, werden für ihn in jedem Bereich seines Lebens von Nutzen sein.

Zusätzlich beherrscht er ein Musikinstrument und ist dadurch in der Lage, für sich, für andere und mit anderen Musik zu machen. Jeder Hobby- und Profimusiker wird mir zustimmen, dass Musik unser Leben über alle Maßen bereichert.

Ergreifen wir unseren Bildungsauftrag

Es liegt also an uns Musiklehrenden, unseren Bildungsauftrag zu erkennen und ihn umzusetzen. Auf diese Weise können wir in unserem Umfeld eine Bildungsreform beginnen, die nicht „von oben“ angeordnet ist, sondern eine, die aus uns und unserem Verantwortungsgefühl den Kindern und Jungendlichen gegenüber resultiert.

Gerne würde ich mit euch dieses Thema diskutieren, deshalb schreibt eure Meinung als Kommentar unter den Artikel!

Es grüßt euch, eure

Gabriele

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